samedi 17 juin 2017

Carpe diem oder die Gegenwart als Geschenk


Geschenk des Augenblicks – Gift of the Moment. Das ist der Titel, den Hans-Joachim Roedelius für eine seiner Platten der 80er Jahren gewählt hat. Als er mir sagte, dass er das als Thema seines nächsten Festivals More Ohr Less wählen möchte, haben wir uns gefragt, wie dieser Ausdruck ins Französische übersetzt werden könnte. Es kam uns nichts besseres in den Sinn als „cadeau du moment“. „Cadeau du moment présent“ oder, amüsanter, „présent du présent“ („Geschenk der Gegenwart“), alle diese Ausdrücke passen, aber nur in dann, wenn man versteht, dass man keineswegs auf der Suche eines „Geschenk des (heutigen) Tages“ ist, so wie man zum Beispiel ein „Menü des Tages“ finden kann. Nein, es handelt sich eher um diese Gegenwart selbst als Geschenk. Hier meine Gedanken zu diesem Thema, die Hans-Joachim Roedelius mir ermöglischt hat, mit den Teilnehmern des Festivals zu teilen.

 

Baden (Österreich) den 11. Juni 2017
Übersetzung : Alexandra Pignol

Hans-Joachim Roedelius – Geschenk des Augenblicks (1984) / source : www.discogs.com
Hans-Joachim Roedelius – Geschenk des Augenblicks (1984)
Der Ausdruck „Geschenk des Augenblick“ hat eine enge Beziehung mit einem anderen, lateinischen Ausdruck, den wir alle kennen, vom Dichter Horaz, und zwar Carpe diem. Carpe diem, quam minimum credula postero. „Pflücke den Tag, und glaube nicht an den Tag danach“. Heutzutage verstehen wir und übersetzen wir auch den Ausdruck ein bisschen anders : „Geniesse den Tag, ohne dich um Morgen zu kümmern“. Er wäre ein Manifest des Hedonismus, aber auch des Individualismus: kein Stress, keine Sorge, kein Leid, deshalb auch keine zu komplizierte Beziehungen. Was empfehlt eigentlich dieses Manifest? Das Leben ist kurzfristig. Nehmen Sie jede Chance wahr und erzielen Sie das Beste daraus. Verwirklichen Sie Ihre eigenen Wünsche, und nicht die Wünche der Anderen. Lassen Sie sich niemals von den eigenen Träumen ablenken, weder von den Anstands-regeln, noch von Ihrem Vater, oder von dem was die Leute denken werden. Ehrlich gesagt, das geht so in die Richtung: „Mach was du willst und sei nicht verantwortlich“.

Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Hans-Joachim Roedelius
Doch wenn wir gut aufpassen, merken wir sofort dass die Gurus der Komsumgesellschaft, die multinationalen Unternehmen gar nichts anders sagen: „Selbst sein“ (Yves Rocher), „Do it“ verordnet Nike, „Dein Parfum, deine Spielregeln“ sagt Hugo Boss. Die Vielfalt, die sie bieten ist ein guter Weg, Komfort und Bequemlichkeit zu erreichen. Klar. Dann wird aber das Wort „geniessen“ langsam als Synonym für „konsumieren“ verstanden. Ist das wirklich was Horaz im Sinne hatte?

Harald Blüchel & Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Harald Blüchel & Roedelius
Mehr als eine Einladung zum Geniessen, ist Carpe diem eine Einladung zur Weisheit, das zu schätzen, was man hier genau im jetzigen Augenblick, vor den Augen hat. „Der Weise ist derjenige der in der Gegenwart zu wohnen vermag“ und der sich nicht vorstellt, dass „alles besser sein wird, wenn er dies oder jenes verändert hat, Schuhe, Haarschnitt, Freunde, Mann, Frau, Haus“ (Luc Ferry). In diesem Sinn kann nicht das Carpe diem mehr entfremdet sein von unserer heutigen Konsumgesellschaft. Horaz schreibt nicht in einer individualistischen Perspektive, die damals nicht existierte. Man muss sich dann nicht wundern, dass der individualistische Standpunkt nicht in der Lage ist, die Phrase von Horaz anders als eine solcher zeitgenössischen Maximen für Coaching oder zur persönlichen Entwicklung zu verwerten. Der Konsum, der allem zugrunde liegt, ist natürlich verpflichtet, uns zu überzeugen, dass alles schlecht geht, und dass es morgen wieder besser gehen wird. Vorausgesetzt natürlich, dass man ihre Produkte kauft, dass man ihre Dienste nutzt. Das Ziel ist hier ganz nobel: es ist das Glück. Aber es liegt hier auf dem Postulat zugrunde, dass das Glück zuerst etwas ist, dass man produziert. Aber Horaz lädt uns nicht ein, zu produzieren, sondern zu pflücken. Es handelt sich darum, etwas zu schätzen, dass schon vorhanden ist.

More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Vollmond über Baden, More Ohr Less 2017

Man hat die Modernität erwarten müssen, damit diese individualistische Perspektive sich durchgesetzt hat, und mit ihr alle Versuche der Realisierung des Paradieses auf Erden. Der Individualismus begnügt sich nicht mit einfachen Freuden. Warum sollte ich mich damit begnügen, wenn mein Nachbar mehr besitzt als ich selbst?

MOL Brainstorming Orchestra @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
MOL Brainstorming Orchestra
Die individualistische Perspektive vergisst aber dass der Mensch, als lebendes Wesen, derjenige ist, der Verbindungen herstellt. Wir sind keine Individuen, wir sind Personen. Das Individuum ist allein, die Person ist mit anderen Personen verbunden. Die Modernität hat effektiv versucht, und das mit einem gewissen Erfolg, aus uns ein einfaches Rädchen von dem Mächanismus der Produktion zu machen. Das ist das Individuum: Ein kleines Rad mit einer einzigen Funktion, und somit ersetzbar. Als Personen haben wir keine Funktionen, sondern Rollen zu spielen, weil wir mit bestimmten Personen verbunden sind eher als mit anderen. Und daher sind wir unersetzbar. Das offensichtliche Beispiel: Eltern zu ihren eigenen Kinder. Die Person hat mehr Grösse als das Individuum.Sie ist es, und dazu das unsichtbare Netz der Verhältnisse, die sich um sie weben. Das Individuum ist nur eine sterbliche Hülle.

Ecki Stieg, Carl Michael von Hausswolff @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Ecki Stieg, Carl Michael von Hausswolff
Jedoch, je ob wir uns Individuen oder Personen fühlen, werden wir nicht „den gegenwärtigen Augenblick geniessen“ auf der gleichen Weise. Wenn meine Existenz meinem biologischen Leben unterworfen ist, dann kann ich von nichts profitieren, wenn ich zB ein Handicap trage, oder zu schwach bin, oder ganz einfach zu alt bin. So interpretiert ist der Hedonismus den machtlosen verboten. Der Genuss ist den Impotenten verweigert. Dies erklärt vielleicht unsere Obsession der Leistung, unsere Trachten nach unendlicher Jugend. Denn das biologische Leben ist alles was uns bleibt, wenn wir keine Verbindungen haben wollen. Im Gegensatz dazu wendet sich das Carpe diem an Personen. Weil der Mensch Verbindungen schafft, ist er auch in der Lage, Liebe zu empfinden. Die Liebe ist ein Impuls, dass uns zu den anderen führt, wo der Andere unvollkommen sein kann, wo er nicht unbedingt meinem Ideal gleichkommt. Liebe ist in diesem Sinn ein Spezialfall des amor fati, der Liebe unseres Schicksals zu der Horaz uns aufruft. Doch diese Fähigkeit hängt nicht von unserem Physischen Zustand ab. Sie ermöglicht mir, mich an der Welt zu erfreuen, so wie sie ist. Das heisst auch, so wie ich eben bin. Und das, was ich auch sei: sei ich alt, sei ich impotent.

More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
More Ohr Less 2017

All dies ergibt nur dann einen Sinn wenn wir akzeptieren, dass es effektiv einen Anteil an Gutem in dieser Welt gibt, trotz der Ungerechtigkeiten, die uns revoltieren, und der Dramen, die uns quälen. Aber woher kommt das Gute? Für ein Glaübiger ist die Antwort ganz einfach. Es ist ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes. Aber was wenn wir keine Glaübiger sind? Dann ist die Antwort nicht so einfach. Dann müssen wir Menschen entscheiden, dass es so etwas wie „Das Gute“ gibt. Es wäre doch eine willkürliche Entscheidung, ohne richtiger Grund. Wir sind frei, wir könnten anders denken. Nichts garantiert dass der Mensch, wenn er autonom gelassen wird, in der Immanenz, unbedingt das Gute wählen würde.

Symposium Geschenk des Augenblicks @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Symposium Geschenk des Augenblicks
„Wir brauchen absolut keine Transzendenz um Spiel-Regeln zu erfinden, die uns ermöglichen uns nicht gegenseitig umzubringen, uns nicht gegenseitig zu berauben, uns nicht gegenseitig schamlos Hörner aufzusetzen (...). Dennoch brauchen wir sie, vielleicht sogar dringend, um nicht so sehr die Regeln der Co-Existenz zu erklären, sondern die Gründe der Existenz. Betrachten wir dass das Leben genügend gut ist, so dass man das recht hätte, andere in das Leben aufzurufen, denen man nicht nach ihrer Meinung befragen kann? Manche Autoren, obwohl sie sich als Hedonisten bezeichnen sagen ganz eindeutig dass man keine Kinder haben sollte, weil das Leben nicht so rosig aussieht“ (Rémi Brague).

DJ Michael Rosen @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
DJ Michael Rosen
Diese Menschen könnten nicht weiter entfernt von dem Carpe diem sein. Für sie ist die Gegenwart kein Geschenk, sie ist ein Fluch, sie ist ein Gift. Nur die Zukunft gilt. Umgekehrt betrachtet, wenn man die Gegenwart als Geschenk begreift, führt es keineswegs zur Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft. Im Gegenteil: es ist nur wenn die Gegenwart als Geschenk betrachtet wird, dass man erwägen kann, neue Leben in die Welt zu bringen. Denn es ist absolut wahr, dass es kein grösseres Zeugnis des Vertrauens in der Zukunft gibt, als Kindern Geburt zu geben.

Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2017 / photo S. Mazars
Hans-Joachim Roedelius @ More Ohr Less 2017